Wer hat hier ein Problem?

Neben dem "Tagebuch" einer "Problemhundehalterin" finden Sie hier auch Tipps, die ich persönlich ausprobiert und für gut befunden habe.
Tipps, die sie so in keinem "Erziehungsratgeber" für "Problemhunde" finden... einfach deshalb, weil solche Bücher sich immer nur um die Erziehung des HUNDES drehen ;)

Dienstag, 11. September 2012

Unter Wölfen...


Hallo :)

Gestern hatten wir ein ganz besonderes Erlebnis:
Wir waren bei Tanja Askani in der Lüneburger Heide und durften die Hudson-Bay-Wölfe Noran, Nanuk und Naaja hautnah erleben.
Tanja hat diese Wölfe mit der Flasche aufgezogen. Noran und Nanuk sind Nachzuchten von Gehegewölfen, Naaja ist ein "echter" kanadischer Wolf.




Es gibt auch eine Gruppe europäischer Grauwölfe (4). Zu denen durften wir aber nicht rein.




Die Chance, eine Wolfsexpertin zu interviewen, die seit über 20 Jahren Wölfe aufzieht und täglich mehrere Stunden im Wolfsgehege verbringt, wollte ich mir natürlich nicht entgehen lassen....

Folgende Infos fand ich persönlich super spannend und will sie euch natürlich nicht vorenthalten: Tanja Askani sagt:

Wölfe rangeln entweder spielerisch miteinander oder versuchen, sich gegenseitig zu töten. Dazwischen gibt es nichts. "Gewalt" als "Strafe" kennen Wölfe untereinander NICHT. Auch der vielzitierte "Schnauzgriff" ist eine Spielerei... und hat nichts mit Strafe oder Rangordnung zu tun.
Ich konnte am eigenen Leib spüren, dass das, was sehr brutal und grantig aussieht, wohldosiert und nie (absichtlich) schmerzhaft ist. (Okay, ein paar Macken hab ich davongetragen)
Es gibt allerdings eine sehr klare Kommunikation. Ich kann euch sagen, wenn zwei Wölfe direkt neben deinem Ohr, anfangen, sich anzuknurren und anzugiften... das ist sehr KLAR und DEUTLICH.

Wenn ich zum Beispiel Leckerchen verteilt habe, haben die Wölfe entschieden, wer das nächste bekommt. Das war keineswegs immer der selbe... sondern meist der, der zufällig zuerst gesehen hat, dass ich ein Leckerchen habe. Das wurde von allen schlicht akzeptiert. Nur ein einziges mal hat einer kurz "gesagt": "Ey, das hab ich zuerst gesehen!" ... eine halbe Sekunde knurren... und gut wars...

Tanjas Wölfe sind nicht, wie in einem echten Rudel, miteinander verwandt. Dennoch haben sie die gleiche "Mutter", nämlich Tanja, die sie alle aufgezogen hat. Wahrscheinlich ermöglicht das die aussergewöhnliche "Rudelbildung" in dieser Gehegehaltung. Tanja ist das Verbindungsglied.

Die Frage nach dem Alphawolf beantwortet Tanja mit: "Alpha, Beta, Omega... ich weiß nicht, was das sein soll, das ist doch Quatsch. Es gibt Papawolf und Mamawolf und ihre Kinder. Punkt."

Die Tiere in ihren Gruppen haben unterschiedliche Charaktere und sind nicht jeden Tag gleich drauf... Sie würde keine feststehende "Führungsrolle" bei ihren Tieren festmachen wollen. Auch sie selbst meint, eher eine "Besucherin" für die Tiere zu sein... natürlich eine wohlbekannte... aber kein Teil der Gruppe und schon gar kein "Alphatier". "Ich bin Mensch und Wolf ist nicht doof" sagt sie in ihrem sehr sympathischen tschechischen Akzent.

Manche Besucher sind erstaunt, dass sie so einfach von dem einem Gehege ins andere wechselt. Tanja sagt, das ist gar kein Problem. Sie riecht für die Wölfe immer erkennbar, selbst, wenn sie ihre Kleidung 5 mal wäscht, in Lenor ertränkt und eine Woche draußen auslüftet, riechen die Wölfe noch, was sie eine Woche vorher mit dieser Kleidung gemacht hat. Sie hat noch nie eine Reaktion bemerkt, wenn sie ein neues Parfüm oder Duschgel benutzt hat. Auf die Idee, je nach Wolfsgruppe die Kleidung zu wechseln, wie es wohl andere "Wolfsleute" tun, ist sie noch nie gekommen.

Sehr schön fand ich folgende Geschichte: Ein junger Vater erzählte, dass einer der Wölfe seine etwa 3jährige Tochter durch die Sicherheitsscheibe sehr intensiv betrachtet habe und darauf hin begann, zu springen und zu hüpfen, "als wolle er mit der Kleinen spielen". Da kam ein zweiter Wolf dazu und der knurrte das Kind an. Daraufhin habe der erste Wolf das Kind "beschützt" und den anderen Wolf weggejagt.

Tanja darauf ganz cool: "Na ja, da hat der erste Wolf ganz klar gemacht, dass diese Beute ihm allein gehört, weil er sie zuerst entdeckt hat.... "

Der Vater wirkte irgendwie verstört..... *g*

Aber im Ernst: Das sind schon noch Wölfe und keine Hunde. Tanja wird nicht müde uns das immer wieder ins Gedächtnis zu rufen. Bislang ist noch nie etwas schlimmes passiert, aber Tanja sagt, da haben sie eben viel Glück gehabt. Brenzlige Momente gab es schon einige.
Wesentliche Verhaltensregeln für unseren Wolfskontakt waren zum Beispiel: Nie einen Wolf wegschubsen, sondern einfach deutlich "Neeeiiin" sagen (hat super funktioniert). Gesicht abschnuppern und ablecken lassen. ("Einem Hund kann man das verbieten, einem Wolf nicht, es ist Kommunikation") Für den Fall dass Grobmotoriker Noran zu heftig an die Nase stößt, darf man eine Hand zwischen Nase und Wolf schieben. (Ich war etwa 5 Sekunden im Gehege, da hatte Noran mir klar gemacht, dass es doch besser ist, auf die Brille zu verzichten) Noran hat Leuten schon Zähne ausgeschlagen vor lauter Liebe.... Niemals die Hände hoch nehmen, dann springt der Wolf... und wenn der Wolf springt, fällt der Mensch um. Naaja nie am Bauch anfassen. Noran und Nanuk schon, die lieben das... (Oh jeh, bloß nicht verwechseln) Wolf nur anfassen, wenn er das einfordert. Nie einfach so hingrabschen. (Wenn das die Leute bei meinen Hunden doch auch so beherzigen würden...)

Die Polarwölfe sind sehr witzig konditioniert... ein Markerwort ist zum Beispiel: "Böse, Böse!"... das gibt es dafür, wenn Naaja "Unsinn" macht, also intensiven Kontakt zu fremden Menschen aufnimmt... ihnen Haargummis aus den Haaren zieht (die meisten Haare bleiben auf dem Kopf dabei... sie ist wirklich sanft und geschickt) , die Jackentaschen durchwühlt (Naaja öffnet auch verschlossene Jackentaschen) oder Taschentücher (das einzige, was man mit ins Gehege nehmen darf) klaut.

Naaja darf auf wölfisch "Hallo" sagen:




Tanja sagt, dass sie die Tiere ausschließlich straffrei konditioniert hat. Sie gibt zu, ihrem Hund schonmal ins Ohr gebissen zu haben und auch, mit ihm wegen seines Jagdtriebes schonmal "intensivere Unterhaltungen" geführt zu haben... aber die Wölfe hat sie nie "bestraft". Die Tiere machen grundsätzlich immer alles freiwillig. Selbst in die Transportbox und zum Tierarzt gehen alle freiwillig, wenn es mal sein muss.

Noran hat sich zur Angewohnheit gemacht, während der Fotosessions im Teich baden zu gehen... dann hat man einen klatschnassen, verschmusten Wolf am Hals. Er darf das natürlich... überhaupt können die Wölfe jederzeit einfach gehen, das Gehege ist groß genug. Den Kontakt mit fremden Menschen nehmen sie freiwillig auf oder gar nicht.

Noran, fast schon wieder ganz trocken:

Dann hat mich natürlich das Thema Futter sehr interessiert.

Tanjas Wölfe bekommen hauptsächlich Rindfleisch. Eine wesentliche weitere Quelle ist die, dass alle totgefahrenen Rehe der Autobahnen der ganzen Gegend von der Autobahnmeisterei im Tierpark abgeliefert werden. Das sind 4-7 Stück pro Woche!

Diese Rehe bekommen die Wölfe, wie Tanja so schön sagt: "Originalverpackt".

Zwar ist es richtig, dass die Wölfe das Reh am Bauch aufbrechen, weil sie da am besten "reinkommen"... dann passiert aber etwas ganz anderes, als man immer wieder liest:

Sie zerren die ganzen Innereien "angeekelt" heraus, lassen sie "links liegen" und arbeiten sich zum Muskelfleisch durch. Herz wird als erste "Innerei" verspeist. Erst, wenn das "gute Muskelfelsich" weggefuttert ist, geht es an die anderen Innereien.
ÜBRIG bleiben jedoch: Magen, Darm, Schädeldecke und die "Decke" also Haut und Fell und meist auch die Hufe.

Wenn die Wölfe sehr hungrig sind, schütteln sie den Magen aus, bis der gesamte Mageninhalt im Gehege verspritzt ist und fressen auch noch den leeren Magen. Der Darm wird hier nie gefressen.

Tanjas Wölfe bekommen auch Obst und Gemüse. Sie sind von klein auf spielerisch daran gewöhnt worden. (Apfel statt Ball...). Bei Spaziergängen (Tanja geht mit den Wölfen in der Umgebung spazieren, auch gemeinsam im See baden...) nehmen sie reichlich bestimmte Gräser und Kräuter auf, die sie in ihren Gehegen längst weggefressen haben.

Insgesamt werden die Wölfe ein- bis dreimal pro Woche gefüttert. Je nach Jahreszeit/Temperatur usw. Außer Fleisch/ganzen Beutetieren und ab und zu Obst/Gemüse bekommen die Tiere nichts.
Na ja gut... Leckerchen... schnödes Trockenfutter für "normale Sachen", Käse und Fleischwurst für "Spezielles" wie zum Beispiel für Fotos posieren.

Hier hab ich ein kleines Video (3 Minuten) zum Thema Wolfsfütterung gemacht:



Für mich ganz persönlich war es ein absolut großartiges Erlebnis. Aber ich glaube, das sieht man auf Tanjas Fotos...



Und das hier ist ein typisches Foto von Tanja: "Tanja hinter Wolf":



Nach dieser sehr aufwühlenden Erlebnissen holten wir die Hunde aus dem Bus (der einen geschützten Schattenparkplatz im Wildpark hatte) und konnten noch durch das Wildgehege gehen, wo neugierige, saufreche Rehe OHNE ZAUN dazwischen unseren Hunden Angst eingejagt haben... Da stehen auch überall Schilder, man soll die Hunde kurz halten, weil die Rehe sie angreifen könnten... hab ich für nen Scherz gehalten... von wegen.... Ich bin mit Dana regelrecht da raus geflüchtet!
Ach und überhaupt war das alles viel mehr und ich kann gar nicht alles erzählen... Ein Wahnsinnstag!

Danke Tanja, für diesen wunderbaren Tag und für die Erlaubnis zur Verwendung deiner Fotos :)

Lieben Gruß

Kirsten

Donnerstag, 16. August 2012

Eine außergewöhnliche Degilitystunde

Endlich wieder Degility!

In unserer Degi-Stunde am Mittwoch hatten wir sogar noch mehr Spaß als sonst!

Ich hatte die Idee, zu versuchen, Dana auf dem Trampolin mal springen zu lassen.
Sie kennt das Trampolin, weiß, dass der Untergrund da "seltsam" ist und hat keine Angst davor... aber ob sie auch hoch springen würde? Dana springt ja total gerne und das Kommando zum Hochspringen ist eher eine Belohnung als ein Kommando. Dennoch... ob sie das auch auf dem Trampolin tun würde?
Ich habs ausprobiert :)

Dana springt. Dana springt aus dem Stand, aus dem Sitz und sogar aus dem LIEGEN! Wahnsinn!

Dann hatte mich so eine Art Ehrgeiz gepackt... also, nicht wirklich Ehrgeiz, mehr so ein ganz großes Zutrauen in meine Hunde. Ich wollte gerne den Schwebebalken ausprobieren. Ich dachte, so in 2-3 Übungen in den nächsten Degistunden könnte es zu schaffen sein, dass die beiden sich über den Schwebebalken trauen.
Denkste!
Beide Hunde haben es mit etwas Geduld und Unterstützung schon gestern geschafft und Dana war so stolz und fröhlich, dass sie gar nicht genug bekommen konnte und ohne Aufforderung gleich mehrmals in traumwandlerischer Sicherheit über den Balken "schwebte"! Breit grinsend!

Das war sooo schön mitzuerleben!

Aber, seht doch einfach selbst:



Sonntag, 12. August 2012

Phönix

Und hier endlich mal wieder ein Video:

Unser Spaziergang auf "Phönix-West". Endlose Weite, Industriekultur, traumhaftes Wetter, Drachenflieger und viele viele Bällchen:



Lieben Gruß

Kirsten

Mittwoch, 8. August 2012

Dana hat geknurrt....

...und das war voll okay.

Klingt das seltsam? Da "erziehe" ich jetzt seit etwa einem Jahr an diesem "Problemhund" herum, und behaupte jetzt, es war okay, dass sie geknurrt hat?

Ja, tue ich.

Es war so:

Wir waren im Wald spazieren, Frieda offline, Dana angeleint. Vor uns ging eine "seltsame" Frau. Dana hat sie immer mal wieder angesehen, ich habe ihr gesagt, dass die Frau okay ist und es war gut.

Dann blieb die Frau an einem umgekippten Baumstamm stehen, an dem Baumstamm, auf den Frieda eigentlich immer drauf klettert, süß guckt und nach einem Keks fragt. Frieda lief hin, neugierig, ob die seltsame Frau denn wohl auch Hundekekse dabei hat...

Aber die Frau hatte keine Kekse, sondern einen Stein im Schuh. Als Frieda schon nah dran war, klopfte die Frau also fest und laut mit ihrem Schuh auf den Baumstamm, damit der Stein rausfällt.

Dana muss das falsch interpretiert haben und als Angriff auf Frieda gedeutet haben. Sie bleib neben mir, sprang nicht in die Leine, keifte nicht los... aber sie knurrte. Sie knurrte so, wie ich sie noch nie knurren hören habe. Ich schwöre: Der Waldboden vibrierte von diesem Knurren.

Ich rief Frieda zurück und sagte zu Dana "Alles okay" und wir gingen problemlos vorbei. Dana drehte sich auch nicht mehr um oder versuchte sonst wie, an die seltsame Frau heranzukommen. Die Hunde schnupperten wieder am Wegesrand, als wäre nichts gewesen.

Dana hat kommuniziert! Sie hat gedroht, und aus ihrer Weltsicht völlig zu recht. Sie hat sich von mir überzeugen lassen, dass alles okay ist und aufgehört zu drohen.
Sie hat mir Bescheid gesagt, dass in ihren Augen Frieda da gerade in Gefahr schwebt. Ich hab die Situation geklärt, alles gut.
Sie hat auch der "seltsamen Frau" Bescheid gesagt, dass sie in Lebensgefahr schwebt, wenn sie Frieda mit ihrem Schuh verhauen will. Das ist nicht schön... aber besser, als wenn sie ohne Warnung gleich losspurtet und zubeisst. Viel besser...

Deshalb war es okay.

Dana hat geknurrt und es war okay. Es war ein Missverständnis, das ich klären konnte. Mehr nicht.

Ein Riesenfortschritt: Dana knurrt! Ich freu mich!

Lieben Gruß

Kirsten


Sonntag, 29. Juli 2012

Belohnung? Wieso das denn?

Ja, es gibt immer noch viele Menschen, die es unnötig finden, einen Hund (..., ein Kind, einen Mann... was man eben so alles "erzieht") zu belohnen.
Es wird als Selbstverständlichkeit vorausgesetzt, dass der Hund sich angemessen verhält. Das können andere Hunde schließlich auch.
Oder es wird unterschieden, ob der Hund einen "Trick" lernen soll... ja, da gibt's dann schonmal ein Leckerchen... oder sich eben einfach nur "gut benehmen" soll. Da gibt's dann nix, das ist eben selbstverständlich.

Meiner Meinung nach steckt da oft ein schiefes Hundebild dahinter. 
Es ist für einen Hund nicht normal, dass er schön an der Leine geht, andere Hunde nah passieren lässt, Menschen nicht freudig anspringt, keine Kaninchen jagt oder wegen einer läufigen Hündin nicht quer über die vielbefahre Kreuzung rennt. Das sind alles absolute Hochleistungen für einen Hund. Es mag ja Hunde geben, die das praktisch von ganz alleine können. Aber auch deshalb ist es nicht automatisch für jeden Hund "normal".
Er muss sich beherrschen (Impulskontrolle), sich konzentrieren, logisch denken, verstehen und umsetzen...
Es sind HÖCHSTLEISTUNGEN für einen Hund. Warum sollte er dafür nicht belohnt werden?

Man will den Hund ja auch nicht verwöhnen.
Na gut... dann erzählen sie das mal ihrem Chef, dass sie ab sofort weiterhin hervorragende Arbeit leisten werden, aber auf ihr Gehalt verzichten, solange Ihnen Kost und Logis gestellt werden. Sie wollen ja schließlich nicht verwöhnt werden.
Sie sagen, der Vergleich hinkt? Dann sagen sie mir mal, warum genau? Weil man Mensch und Hund nicht vergleichen kann? Richtig. Sie haben völlig recht. Kann man nicht. Sie fühlen sich belohnt, wenn eine Bonuszahlung erst am Ende des Monats auf ihrem Konto ist. Ihr Hund hätte seine Belohnung gerne immer sofort. DAS ist tatsächlich ein wichtiger Unterschied.

Tatsächlich muss man sich auch gar nicht besonders anstrengen, um einen Hund oft für angemessenes Verhalten zu belohnen.
Oft geht das ganz von alleine:
Sie freuen sich, strahlen über das ganze Gesicht, verlieren womöglich ein paar "lobende Worte", nicken dem Hund mal zu... schon belohnt!
Sie schicken den Hund wieder schnüffeln, wo er will, nachdem er super toll auf ihr Rufen reagiert hat. Nachdem der Hund brav an einer Wegkreuzung gewartet hat, darf er wieder vorlaufen. Nachdem er brav an der Leine im Bogen an dem fremden Hund vorbei gegangen ist, wird er wieder abgeleint. Fertig belohnt.

Es muss nicht immer das berühmte "Leckerchen" sein.
Den Hund mit Futter zu belohnen, ist einfach oft praktisch. Es geht schnell, es geht auf den Punkt und man muss sich nicht viele Gedanken machen. Trotzdem ist es etwas schade, wenn Ihnen nichts anderes einfällt, was für ihren Hund in dieser Situation eine Belohnung darstellen könnte.

Wie wäre es, wenn er zur Belohnung einen Ball jagen darf, weil er die Kaninchen in Ruhe gelassen hat? Wenn er die Stellen abschnüffeln darf, an denen eben noch der "blöde andere Hund" war, den er nicht angegiftet hat? Wenn er auf Kommando einmal ganz hoch hüpfen darf, weil er eben den guten Bekannten mit seinem Matschpfoten nicht angesprungen hat?

Wissen Sie, was ihr Hund gerne macht? Was ihr Hund in diesem Moment gerne tun würde?
Dann überlegen sie, wie sie das als Belohnung nutzen können. Man nennt das "Premack-Verstärker", aber das ist egal, wie das heisst. Nennen wir es: "Die Belohnung, die dem Hund in diesem Moment am besten gefällt". Studieren Sie ihren Hund, versuchen sie, sich in ihn hineinzuversetzen.
Was ist wohl in welchen Momenten für ihn so richtig klasse?

Und an dieser Stelle noch ein Hinweis: Streicheln, knuddeln, umarmen, küssen und Kopf tätscheln ist es meistens nicht!
Und in vielen Situationen ist eben doch das Leckerchen die einfache, schnelle und wirksame Belohnung. Ich will das gar nicht verteufeln. Im Gegenteil: Hauptsache, sie belohnen.
Belohnen sie alles, was der Hund richtig macht. Auch wenn er es seit Jahren "kann", schadet eine Belohnung ab und zu mal nicht (intermittierende Verstärkung).

Verabschieden sie sich von der Angst, ihr Hund würde nur verwöhnt. Sie sollen ihn ja nicht völlig sinnfrei mit Leckerchen vollstopfen, sondern gezielt für angemessenes Verhalten belohnen.
Am Ende haben sie einen von diesen Hunden, die das alles so selbstverständlich können.... Das ist dann ihre Belohnung!

Genießen Sie sie!

Donnerstag, 26. Juli 2012

Bestrafung? Warum denn nicht?



Es ist nicht so, dass ich dauernd sanfte Beschwörungsformeln säuselnd, zarte Rosenblütenblätter streuend, um meine Hunde herum ihren Namen tanze. Nee nee... 
Ich kann durchaus zackig, klar und eindeutig, keinen Widerspruch duldend und sogar mal lauter mit meinen Hunden kommunizieren. 
Allerdings halte ich nichts von aktiver Strafe. 

Man unterscheidet vier Variationen von Reaktionen beim Konditionieren: 
Aktive (direkte, positive) Belohnung/Verstärkung: Es gibt eine angenehme Konsequenz, indem etwas dazu kommt, (z.B. Keks, zum anderen Hund laufen dürfen, ein Loch buddeln dürfen, einen Ball jagen dürfen...) 
Passive (indirekte/negative) Belohnung/Verstärkung: Dadurch, dass etwas unangenehmes weggenommen wird, entsteht eine positive Konsequenz. (Beispiel: Ableinen, verschlossene Tür öffnen...)

Aktive (direkte/ positive) Strafe: Es wird etwas Unangenehmes hinzugefügt (z.B. Schmerz, Anschreien, Leinenruck...)
Passive (indirekte/negative) Strafe: Etwas Angenehmes wird weggenommen. (z.B. Ein erwarteter Keks verschwindet wieder im Futterbeutel...) 
Grundsätzlich finde ich diese Differenzierung unnötig und theoretisch. Manchmal werden auch noch die veralteten Begriffe „positiv“ und „negativ“ verwendet statt passiv und aktiv. Das verwirrt den Leser dann spätestens... und hat in der Praxis wenig Bedeutung. Im Alltag kennt jeder Mensch diese „vier Quadranten“, ohne sie irgendwie benennen zu müssen und außerdem ist die Definition unklar. Leine ich den Hund an, habe ich ihm den angenehmen Freilauf genommen (passive Strafe) aber ich habe ihm das Anleinen zugefügt (aktive Strafe) und wenn der Hund sich womöglich erleichtert fühlt durch das Anleinen in einer schwierigen Situation, ist es auch gleich noch eine aktive Belohnung, während das unangenehme „selbst entscheiden müssen“ wegfällt, also wieder passive Belohnung. Kommen sie nicht mehr mit? Genau. Wozu soll das also gut sein? 
Mir persönlich ist dabei wichtig, dass ich so weit wie möglich auf Strafe, insbesondere auf aktive Bestrafung, verzichten möchte. Hier meine Gründe:
Ein Punkt ist einfach der, dass durch Bestrafung unerwünschten Verhaltens kein Alternativverhalten aufgebaut wird. Nun, das kann man ja ändern und es gleichzeitig tun. 
Ein anderer Kritikpunkt wiegt für mich deutlich schwerer: Unter aversiven Reizen entsteht Stress und Stress erschwert aktive Lernvorgänge (macht sie u.U. sogar unmöglich) ... das wars dann mit dem parallelen Aufbau von Alternativverhalten. Der Hund kann gar nichts mehr lernen.
"Bestrafung" kann Aggression auslösen. Nicht ganz so erwünscht....
"Bestrafung" macht negative Emotionen, die auf den "Strafenden" gelegt werden. Ich mache mich schlicht unbeliebt. Gleichzeitig kann es zu paradoxen Bindungsverflechtungen kommen. (Umso schlechter es dem Hund geht, desto dringender wird sein Bindungsbedürfnis) Ungut...

Die negative Emotion kann auch auf dem Auslösereiz landen, und zu entsprechenden Komplikationen führen. (Der Hund pöbelt den blöden Hund an, wird bestraft und findet den blöden Hund in Zukunft einfach nur noch viel blöder)
Die negative Emotion kann auf "irgendwas" landen, was zufällig verknüpft wird. Ein vorbeifahrendes Auto zum Beispiel... und schwupps hab ich einen Leinenpöbler, der nebenbei auch noch Angst vor Autos gelernt hat.
"Bestrafung" ist weniger löschungsresistent. Bei Ausbleiben der negativen Konsequenz wird das ursprüngliche (unerwünschte) Verhalten schnell erneut gezeigt. (Bei Menschen kennen wir uns da sehr gut aus: Rückfallquoten von Gefängnisinsassen, Übertretung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit usw...)
In der Humantherapie gibt es meines Wissens keine ausreichende Hinweise auf eine (langfristige) Evidenz von Aversionsverfahren. "Strafe wirkt (langfristig)" ist somit wissenschaftlich NICHT belegt (zugegeben: Bei Menschen. Zu Hunden finde ich keine Untersuchungen auf die Schnelle). 
Messbare Erfolge gibt es sowieso nur bei extrem massiven aversiven Reizen... mit anderen Worten: Es muss schon richtig weh tun und selbst dann wirkt es nicht sehr lange. Nur ein regelrechter Schock kann zu starkem und langfristigem Meideverhalten führen, da sind wir aber dann schon wieder im pathologischen Bereich. (Beispiel: Angststörung nach Autounfall)
In der Humantherapie ist das Einverständnis des Patienten in eine Aversionstherapie unverzichtbar wegen der ethischen Konfliktzone, in der man sich da bewegt. 
Selbst seltene Vertreter der Psychologie, die Aversionstherapien befürworten, würden sie nur als letztes Mittel der Wahl akzeptieren, wenn das unerwünschte Verhalten extrem selbst- oder fremdgefährdend wäre und alle anderen Mittel ausgeschöpft sind. 


Und last but not least: Bestrafen macht mir einfach keinen Spaß! 
Und jetzt soll ich hergehen, und bewusst und gezielt meine Hunde für unerwünschtes Verhalten bestrafen? Kann ich angesichts der obigen Liste nicht. 
Und doch verwende ich Strafe, ob ich will oder nicht. Passive Strafe passiert nämlich automatisch, sobald ich positive Belohnung für erwünschtes Verhalten anwende. Im Lernprozess „vertut“ der Hund sich schnell mal... er erwartet eine Belohnung, kriegt aber keine, weil sein Verhalten eben kein „Treffer“ war. Und schon habe ich Frustration ausgelöst ohne etwas zu tun. Passive Strafe. Die Hoffnung auf die Belohnung sollte aber groß genug sein (Motivation) es noch mal anders zu versuchen. Und als „Lehrerin“ ist es mein Job, die Aufgabe so zu wählen, dass die Chance für den Hund, sie zu lösen, möglichst groß ist. So geht Lernen. 
Und als „nur Mensch“ passiert es mir, dass ich sauer werde, meckere, rumschimpfe, mit dem Fuß aufstampfe oder mal an der Leine rucke. Ich finds nicht gut und ich versuche es zu verhindern, aber ich hab mal nen schlechten Tag, bin genervt, etc. Shit happens...
Aber ich bleibe dabei: Bewusst und gezielt aktive Strafe als Erziehungsmittel zu verwenden, ist nicht nur sinnfrei, sondern schädlich. Die Alternative ist nicht automatisch, dass man zum Wattebauschwerfer wird und seine Hunde zum guten Benehmen säuselt. Klar und deutlich Grenzen setzen und souverän lehren geht ohne aktive Strafe.

Vermutlich wird kaum jemand außer vielleicht Mahatma Ghandi oder dem Dalai Lama das im Alltag hinkriegen. Deshalb muss man aber nicht aufhören, sich darum zu bemühen. 
Mit dem Focus auf aktive Belohnung erzielt man hervorragende Ergebnisse, es macht Spaß und man kann kreativ und großzügig sein. 


Wozu also Bestrafung?

Montag, 23. Juli 2012

Spiegelneuronen?


Vielleicht hat ja hier jemand Lust, mit mir ein bisschen rumzuspinnen:

Wenn Hunde Spiegelneuronen hätten....

...was würde das für den Umgang mit Hunden/das Hundetraining bedeuten?


Worum gehts?
Die gleichen Hirnzellen, die beim Ausführen einer Handlung aktiv sind, feuern auch, wenn man bei dieser Handlung zusieht, an sie erinnert wird oder sie sich vorstellt.
Bewegungsabläufe, die man (oft) beobachtet hat, kann man anschließend leichter lernen und schneller selbst ausführen.
Beim Beobachten von Bewegungsabläufen werden sogar Muskeln aktiviert, bzw. die Leitungsbahnen zwischen Gehirn und Muskulatur schon mal „geschmiert“.
Beim Beobachten einer Emotion werden die gleichen Hirnzellen aktiviert, als wenn wir diese Emotion selbst gerade empfänden. (Empathie)
Vera Birkenbihl über Spiegelneuronen und Lernen*klick*

Spiegelneuronen wurden in den 90ern bei Affen nachgewiesen, Anfang 2000 bei Menschen. Bei Hunden werden sie „stark vermutet“, es hat aber noch niemand wirklich nachgeguckt.

Die Entdeckung der Spiegelneuronen löste zunächst einen ziemlichen Hype aus. Mittlerweile gehen viele Stimmen in die Richtung, dass es zwar toll ist, zu wissen, das es sie gibt, aber die Vorgänge im Gehirn so verschachtelt und verknüpft sind, dass Spiegelneuronen alleine nichts abschließend erklären, sondern nur ein Teil eines großen Rätsels sind.
Kritik am Hype über Spiegelneuronen: Artikel in "Die Zeit" *klick*

Okay...

Ich gehe mal davon aus, dass Hunde Spiegelneuronen haben und das sie funktionieren wie bei Menschen, nur eben auf „hündisch“.

„Hündisch“ bedeutet aber nun mal „an den Menschen gebunden“ und damit könnten Spiegelneuronen die Empathiefähigkeit von Hunden gegenüber Menschen erklären.

Sieht der Hund, wie ich mich freue (auf „menschlich“, also ohne Schwanzwedeln), dann „versteht“ er, dass ich mich freue und empfindet auch Freude. Dasselbe würde für Angst, Ärger, Wut, Trauer, Ekel, etc. gelten.

Damit wäre beim Training mit einem emotionsaktiven Menschen die positive Verstärkung ja schon gleich mit eingebaut: Hund zeigt erwünschtes Verhalten, Mensch ist begeistert, Hund freut sich (positive Konsequenz=Belohnung). Kann ich also die Leckerchen stecken lassen, wenn ich mich nur genug begeistern kann? Nach meiner Erfahrung: Ja.

Vice versa: Ärgere ich mich, bin ich enttäuscht über das Verhalten des Hundes, ist der Hund auch schlecht drauf: Negative Konsequenz. Fertig ist der operante Lernprozess.

ABER: Trainiere ich mit dem Hund und ärgere mich in Gedanken über eine ganz andere Situation zu einem vorherigen Zeitpunkt (Ärger auf der Arbeit, Ehestreit...), Hund zeigt erwünschtes Verhalten, ich zücke gedankenversunken grübelnd einen Keks: Paradoxe Konsequenz. Hund ist verwirrt. Lernprozess gestört. Auch das kann ich aus meiner Erfahrung unterstreichen.

Weiterhin hätte die Existenz von Spiegelneuronen Auswirkungen auf den Einsatz von Therapiehunden zum Beispiel bei depressiven Patienten. Therapeuten kennen die ansteckende Wirkung von Depressionen und schützen sich davor, indem sie möglichst klar definierte Zeitspannen mit depressiven Patienten verbringen und sich danach durch positive Tätigkeiten wieder „aufladen“. Das sollte ebenfalls für Therapiehunde gelten.

Lernen durch Beobachtung mit Spiegelneuronen:
Sieht mein Hund möglichst oft, wie ein anderer Hund sich „vorbildlich“ verhält, wird es ihm anschließend leichter fallen, dieses Verhalten auch zu lernen.
Auch hier kann ich sagen: Das deckt sich mit meinen Erfahrungen.

Wirkt das Prinzip aber auch andersrum? Kann der wohlerzogene Hund durch einen Rüpel an seiner Seite „durcheinander gebracht“ werden, weil die Spiegelneuronen jetzt andere Abläufe als die erwünschten aktivieren? Speziell dann, wenn der Rüpel mit positiven Emotionen aus der Rüpelei hervorgeht, ist das sicher eine bedenkenswerte Idee.
Stärke ich das erwünschte Verhalten meines Hundes hingegen, wenn er zusieht, wie ein anderer Hund mit unschönen Emotionen aus einer Situation hervorgeht, in der er sich unerwünscht verhalten hat?


Für gewisse Trainings, bei denen es um Bewegungsabläufe geht (Agility/Degility/Tricks/Dogdancing usw.) spricht das also für „gemischte Gruppen“ statt alle „Anfänger“ in die eine und die „Fortgeschrittenen“ in die andere Gruppe zu stecken.
Oder besser: Beobachtungssessions für Anfänger bei den Fortgeschrittenen zu organisieren.
Besser als gemischte Gruppen, weil: Behindert es die vielleicht Fortgeschrittenen, wenn sie die ungeschickten Versuche/Bewegungsabläufe der Anfänger oft beobachten? Stört es die vorhandenen Verknüpfungen der idealen Bewegungsabläufe, wenn sie die schlechteren Bewegungsabläufe beobachten und die Spiegelneuronen die im Geiste „mitmachen“



Und ich geh mal noch einen Schritt weiter: Kann denn auch der Mensch dem Hund etwas "vormachen"? Zum Beispiel, wenn es um eine Bewegung der Vorderpfoten geht, ist es dann sinnvoll, das Signal dafür mit einer entsprechenden Handbewegung zu geben? Automatisch tun wir das. Beim "winken" zum Beispiel... oder ich machs bei Frieda beim "kratzen". Ist das hilfreich wegen der Spiegelneuronen? 


Auswirkungen der Spiegelneuronen auf den Menschen als HundelehrerFreut sich der Hund, freut sich der Mensch. Lernen mit möglichst vielen positiven Erfahrungen müsste also stimmungsaufhellend für alle Beteiligten sein. Ein positiver Kreislauf: Mensch freut sich, weil Hund was richtig gemacht hat. Hund freut sich, weil Mensch sich freut. Lernprozess gefördert, Wahrscheinlichkeit für erneute gute Leistung des Hundes erhöht: Mensch freut sich schon wieder, Hund freut sich noch mehr usw...


Coole Sache, funktioniert dann aber leider auch andersrum (Hund macht Fehler, Mensch ärgert sich, Hund kriegt schlechte Laune, macht noch mehr Fehler, Mensch ärgert sich noch mehr usw.. )
Ein Grund mehr, Aufgaben für den Hund immer so zu gestalten, dass die Wahrscheinlichkeit für die „richtige“ Lösung durch den Hund besonders groß ist: Psychohygiene für den Hundelehrer

Frustriere ich meinen Hund oder erzeuge durch Strafe/Strafandrohung sogar Angst in ihm, dann wirkt sich das auch auf meine Gefühlslage aus, sofern ich in der Lage bin, die Gefühlslage meines Hundes zu erkennen. (Ist ja „hündisch“)

Demnach müssten also positiv arbeitende Hundelehrer die Menschen mit der besseren Laune sein

Zum Abschluss noch mal: Soweit ich weiß, sind Spiegelneuronen bei Hunden noch nicht direkt nachgewiesen. Indirekt gibt es aber eine Menge ziemlich deutlicher Hinweise darauf, dass Hunde ebenso wie Menschen und Affen, Spiegelneuronen haben.
Deshalb finde ich, darf man mal rumspinnen, was die Existenz von Spiegelneuronen im Hund für die Praxis bedeuten sollte/könnte/würde

Mich interessiert, was andere darüber denken. Was sagt ihr dazu?

Lieben Gruß

Kirsten